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Nadine Eder, Flötistin

programmations et concerts ensemble metafora

die gastfreundschaft der klänge und worte. L’hospitalité des sons et des mots

Wohin geht die Fremdheit? Komponisten im Exil

“... und lassen es flattern im Winde”. Lyrik und Musik von Frauen

die gastfreundschaft der klänge und worte
l’hospitalité des sons et des mots

Musik europäischer Komponisten aus dem 19. und 20. Jahrhundert

Paul Celan übersetzt Gedichte von André Du Bouchet, Jules Supervielle, Guiseppe Ungaretti, William Shakespeare, Fernando Pessoa, Gellu Naum, David Rokeah

Europa ist eine klangvolle Gestalt, es ist voller Klänge und voller Worte. Töne klingen, auch Worte klingen, manchmal sind sie nur Klang, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt.

Werden Gedichte von der einen in die andere Sprache übersetzt, dann ändern sich nicht nur die Worte, es entsteht auch ein neuer Klang und eine andere Sprechmelodie. Der Philosoph Paul Ricoeur spricht von der „hospitalité langagière“, die es ermöglicht, dass wir in der fremden Sprache Wohnung nehmen und auch die fremden Worte bei uns gastfreundlich aufnehmen.

Das Konzert bringt Gedichte in verschiedenen Sprachen zu Gehör, als semantische und als klangliche Gebilde. Dabei öffnen sich die Grenzen zur Musik. Die Gastfreundschaft der Klänge und Worte lädt dazu ein, sich den Klängen anzuvertrauen, mögen sie auch beim ersten Hören unbekannt und ungewohnt sein.

Verbindungslinie zwischen den einzelnen Texten ist der deutschsprachige Dichter Paul Celan (geb. 1890 in Czernowitz, Rumänien, gest. 1970 Paris). In seinen Übertragungen aus anderen Sprachen wird die Gastfreundschaft der Worte hörbar, im Originaltext und in der Übersetzung. Die verschiedensprachigen Gedichte werden teils live vorgetragen, teils werden sie digital ‚vom Band’ wiedergegeben. Manche werden von Menschen vorgelesen, deren Muttersprache das Gedicht repräsentiert, andere werden bewusst mit einem Akzent gelesen. Manchmal gibt es keine Übersetzung, sondern nur Klänge für diejenigen, die die entsprechende Sprache nicht verstehen.

Die Musik sucht einen Dialog mit den Gedichten und den Klängen, sie spielt mit den Motiven, findet die eigene Gastfreundschaft und bietet sie dem Publikum an.

Musiques du 19ième au 21ième siècle de compositeurs européens

Paul Celan traduit des poèmes de André Du Bouchet, Jules Supervielle, Guiseppe Ungaretti, William Shakespeare, Fernando Pessoa, Gellu Naum, David Rokeah

L’Europe est pleine de sons et de mots. Les sons résonnent, de même les mots, parfois les mots sont que des sons, quand on ne connaît pas leur signification.

En traduisant des poèmes d’une langue dans une autre, on ne change pas seulement les mots, on fait naître aussi une nouvelle sonorité, une nouvelle intonation. Le philosophe Paul Ricoeur parle ainsi de l’«hospitalité langagière»: nous nous installons dans la langue étrangère et nous donnons hospitalité aux mots étrangers.

Le concert de l’ensemble Metafora va faire entendre des poèmes dans différentes langues, en tant que formations sémantiques et formations sonores. Les textes vont s’ouvrir vers la musique. L’hospitalité des sons et des mots invite à se confier à une Europe, parfois inhabituelle, parfois étrange à la première écoute, mais toujours ouverte aux nouvelles idées.

Le poète allemand Paul Celan (né en 1890 à Czernowitz, mort en 1970 à Paris) constitue le fil rouge entre les différents textes. Ses traductions font résonner l’hospitalité des mots, comme aussi dans la langue originale. Les poèmes sont lu en partie «en direct», en partie par bande sonore. Quelques-uns sont lus par des locuteurs natifs, d’autres font entendre consciemment l’accent étranger. Parfois il n’y a pas de traduction, mais seulement des sons pour ceux qui ne comprennent pas la langue originale.

La musique cherche un dialogue avec les poèmes et les sons, elle joue avec les motifs, trouve son l’hospitalité et l’offre au public.

Wohin geht die Fremdheit? Komponisten im Exil

Musik des 20. Jahrhunderts von europäischen Komponisten im Exil

Bohuslav Martinu (1890-1959), Isang Yun (1917-1995), Stefan Wolpe (1902-1972),
Darius Mihaud (1892-1974) und  Sergej Prokofjew(1891-1953)

Für viele Komponisten, die im 20. Jahrhundert leben, war das Exil Zwischenstation oder sogar Endstation in ihrem Leben. Was bedeutet das Hinübergehen (müssen) von einem Land in ein anderes, von einem Kontinent zum anderen, von einer Musik in eine andere, von einer Sprache in eine andere, mit der „dauernde(n) Doppelheit der Zunge“ (Stefan Wolpe)? Was bedeutet es, in der Fremde zu wohnen, entwurzelt zu sein, und doch wurzelschlagend? Was geschieht, wenn die Fremdheit alltäglich wird?

Ist es zu hören, jenes Aufbrechen: sich öffnen, Horizonte überschreiten, gleichzeitig um die eigenen Wurzeln wissend? Neue Musik entsteht. Vielleicht Heimat in den Klängen. Identität in der Fremde. Fremde Heimat. Musik.

Neben den kammermusikalischen Werken werden Texte und Gedichte von Schriftstellern und Schriftstellerinnen vorgetragen, um Einblicke in das Leben im Exil zu geben.
Als Beispiel möge das Gedicht Zufluchtsstätte von Bertolt Brecht (1937) dienen:

Ein Ruder liegt auf dem Dach. Ein mittlerer Wind
Wird das Stroh nicht wegtragen.
Im Hof für die Schaukel der Kinder sind
Pfähle eingeschlagen.
Die Post kommt zweimal hin.
Wo die Briefe willkommen wären.
Den Sund herunter kommen die Fähren.
Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehen.

brecht

„... und lassen es flattern im Winde“. Lyrik und Musik von Frauen

„Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lasse es flattern im Winde.”

droste-huelshoff

Das Gedicht ‚Am Turme’, woraus obige Strophe zitiert ist, schrieb die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff 1842 als unverheiratete, unabhängige und privilegierte Frau Mitte Vierzig. Im Gedicht wird die Sehnsucht ausgesprochen, die enggezogenen Grenzen überschreiten zu können und aufzubrechen in ein Leben voller Herausforderungen. Die Auflösung der strengen Frisur, und sei es nur heimlich, evoziert etwas Rebellisches und beinhaltet trotz vorgefundener gesellschaftlicher Einschränkungen Bewegungsfreiheit.

Die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger bezeichnet dieses Gedicht der Droste als „das erste und vielleicht das beste feministische Gedicht in deutscher Sprache.“ Von diesem Gedicht ausgehend werden Gedichte von Frauen rezitiert, die eben von dieser Sehnsucht nach Bewegung und Veränderung sprechen. Häufig ist die Metapher des Windes ein Indiz für den Wunsch nach Veränderung. So steht am Schluss des Reigens das Gedicht von Hilde Domin “Wer es könnte”:

Wer es könnte
die Welt
hochwerfen
dass der Wind
hindurchfährt.

In den Gedichten wird die sog. Frauenfrage nicht explizit thematisiert. Immer wieder klingt die Befreiung von den Bildern an, den eigenen, den fremden, den übergestülpten, den aufgezwungenen. In den Texten ist die Suche nach neuen, nach veränderten Bildern lesbar, hörbar. Das Schaffen und das Wahrnehmen von Kunst ist immer ein Akt der Befreiung und ein Aufbruch in Räume, in denen der Wind wohnt, das eigene Wort und der eigene Ton, nachdenklich und selbstironisch.

Dichterinnen aus verschiedenen Jahrhunderten kommen zu Wort, nehmen Motive der anderen auf, ergänzen sich, fallen sich ins Wort. Es sind dies u.a. Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), Sarah Kirsch (*1935), Kirsti Simonsuuri (*1945), Katri Vala (*1901-1944), Hennriette Hardenberg (1894-1993), Emmy Hennings (1885-1948), Rose Ausländer (1911-1988), Eva Strittmaier (*1930), Ursula Krechel (*1947), Ulla Hahn (*1946), Friedericke Mayröcker (*1924), Hilde Domin (1912-2006) u.a.

gubaidulina

Sofia Gubaidulina

In den Dialog mit den literarischen Stimmen treten die musikalischen Klänge der Komponistinnen, die auf ihre Weise die Grenzen überschreiten. Gespielt wird Musik von Fanny Hensel-Mendelssohn (1805-1847), Louise Farrenc (1804-1875), Mel Bonis (1858-1937), Ethel Smyth (1858-1944), Nadia Boulanger (1887-1979), Sofia Gubaidulina (*1931) und Elisenda Fabregas (*1955).

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